Unsere Reihe „Foto-Theorie NEU gelesen“ bezieht sich nicht nur auf Beiträge der letzten zwanzig Jahre, sondern in diesem Fall auch einmal auf eine brandaktuelle Theorie-Diskussion rund um die künstlerische Fotografie. In diesem Zusammenhang geht es nicht um die Position eine*r/s Theoretiker*in/s. Die Rede ist vielmehr von einer mehrstimmigen Diskussionsrunde zur Zukunft der Fotografie, welche das amerikanische Magazin „Artforum“ im vergangenen November in seinem Heft veröffentlicht hat.
An ihr nahmen gleich sechs Personen teil. Moderiert von Pablo Larios, dem „Berlin-based international editor“ des Magazins, haben am runden Tisch die prominenten Kurator*innen Roxana Marcoci (MoMA, New York) und Florian Ebner (Centre Pompidou), der Restaurator Christian Scheidemann sowie die drei Künstler*innen Ketuta Alexi-Meskhishvili, Thomas Demand und Jeff Wall teilgenommen. Was anhand dieser Aufzählung bereits auffällt, ist zumindest Dreierlei: die Künstler*innen sind in der Mehrzahl, eine männliche Dominanz ist kaum übersehbar und zudem hat die überwiegende Zahl der Diskutant*innen einen Bezug zu Deutschland (Ausnahmen sind allein Marcoci und Wall).
Worum geht es bei der Frage nach der „future of photography“ konkret? Das erkennbare redigierte Gespräch hat mehrere Schwerpunkte, beginnt aber zunächst mit einer Skizze des komplexen Beziehungsnetzes der künstlerischen Fotografie, die aufgrund cinematografischer und allgemein digitaler Kontexte sowie speziell der künstlichen Intelligenz zu einem Wandel des Mediums führe, so Roxana Marcoci: „The photograph is newly temporal.“ (S. 86) Jeff Wall geht historisch etwas weiter zurück, wenn er ergänzend auf einen Wandel in den 70er und 80er Jahren hinweist, der durch die Kommerzialisierung der nun zur Kunst mutierten Fotografie hinweist. Damit verändern sich zugleich die Ansprüche an das Medium, denn genau durch diese neue gesellschaftliche Dimenson kommt es zu jenem Widerspruch, der letztlich das komplette Gespräch grundiert, der aber erst an dessen Ende von Scheidemann auf den Punkt gebracht wird: „the real question is: What is the balance between preserving photography and showing it?“ (S. 95).
Hiermit ist genau jenes Problem benannt, das sich Museen bereits seit Jahren in ihrer Ausstellungs-Praxis stellt. Es hat sich durch neue Techniken, auf welche besonders Ketuta Alexi-Meskhishvili und Thomas Demand mit praktischen Beispielen und Erfahrungen hinweisen, in der jüngeren Vergangenheit noch einmal verschärft. Sie betreffen eben den Objekt-Charakter, die Materialität des Bildes, um nicht zu sagen: die Frage nach dem Original. Demand wird konkret: „I remember a colleague who was having a retrospective and reprinted all his works, old and new, at the same time. Seeing them flattened in this way, something felt wrong. The chronology had collapsed.“ Da kann man ihm nur zustimmen und ergänzen, dass manche seiner Kollegen im gleichen Prozess bisweilen sogar noch die Bildgrößen verändern – als sei dies eine beliebige Entscheidung.
Dies sind von Künstler*innen selbst produzierte Probleme. Hinzu kommen, sehr viel schwer wiegender, zudem die materiell-technischen Schwierigkeiten, wenn etwa Fotopapier vom Markt verschwinden oder sogar Belichtungstechniken nahezu aussterben. Bei digitalen Bildformaten, die sich nach Jahrzehnten geändert haben und keine erneuten Prints zulassen, geht es im digitalen Zeitalter weiter. Wie geht man nun mit dem drohenden Verlust der Bilder um?
Erstaunlicherweise wird an dieser Stelle vom runden Tisch das Thema der „exhibition copies“, derer sich Museen wie auch Künstler*innen heute verstärkt bedienen, kaum weiter explizit verfolgt. Nur am Rande: bei ihnen handelt es sich nicht immer nur um einfache „Lösungen“. Im Einzelfall führen diese sogar zu einer Potenzierung der problematischen Frage nach dem Original. An genau diesen müssen jedoch sowohl der die Künstler*innen nährende Kunstmarkt wie auch 8in sicher abgeschwächter Form) das Ausstellungswesen festhalten, will man nicht die aktuell bereits vielfach beschworene „Krise“ der Fotografie verschärfen.
Ob da eine interessante Randbemerkung von Christian Scheidemann weiterhilft? Er macht nämlich darauf aufmerksam, dass der große Einfluss seiner Restauratoren-Kolleg*innen auf die Museums-Politik von einem verengten, orthodoxen Bild-Begriff geprägt ist, der sich einer traditionellen Ausbildung als Papier- und Foto-Restaurierung verdankt (S. 93). Eine Alternative zu dieser Verengung auf eine „Objekt-Fokussierung“, die der Restaurator seinen Kolleg*innen wohl nicht zu Unrecht vorwirft, bleibt freilich offen.
Und dies ist leider ganz charakteristisch für ein wirklich anregendes Gespräch zwischen Expert*innen, welche einige dringliche Probleme der zeitgenössischen Fotografie sehr genau zuspitzen, sich jedoch kaum an die im Titel des Beitrags suggerierten Visionen der Zukunft der Fotografie herantrauen.
The Future of Photography. A Roundtable, in: Artforum, Vol. 64, No. 3, 2025, S. 86 – 95
Stefan Gronert
…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover
BU: Ketuta Alexi-Meskhishvili, „there, but not„, Ausstellungsansicht im Kunstverein Braunschweig, 2025